Das erste Mal oder Immer wieder Anfang
Was haben Sie in letzter Zeit zum ersten Mal gemacht? Und wo haben Sie sich als Anfänger*in erlebt und gefühlt?
Wenn ich an die letzten beiden Jahre denke, fällt mir viel ein: Ich war zum ersten Mal für eine große und ernste Operation im Krankenhaus und danach eine Anfängerin im geregelten Ablauf einer REHA-Maßnahme. Ich bin zum ersten Mal Teil einer Pandemie. Inzwischen bin ich Anfängerin als Tochter alter Eltern, und Anfängerin als Mutter erwachsener Kinder. Und in diesem Jahr werden mein Mann und ich anfangen, unser Leben in der Rente zu gestalten. Ich habe mit 63 Jahren angefangen, Yoga zu üben, und mir würde wahrscheinlich noch einiges mehr einfallen und Ihnen als Leser*in auch.
Im Älterwerden Anfänger*in zu sein – so würden wir es nicht immer benennen. Wer mag schon Anfänger*in sein. Da gibt es Erinnerungen an Schultage: wer die Grundschule geschafft hat, vom Abc-Schützen zur "erfahrenen" Viert-Klässler*in wurde, erfährt, dass es in der weiterführenden Schule wieder von vorne beginnt! Und eine Lehre oder Ausbildung beginnt wiederum mit dem „ersten Mal“.
Anfangen oder etwas zum ersten Mal machen oder erleben, wird sich im Laufe des Lebens auch verschieden zeigen. Mir hat das Bild vom Fremdsprache lernen in einer Dokumentation sehr gut gefallen. Kinder lernen eine neue Sprache unkomplizierter, weil in ihren zerebralen Regalen noch viel Platz ist und dieser Platz will gefüllt werden! Die Merkfähigkeit ist noch größer, die Lernbereitschaft noch frischer, die Konzentrationsfähigkeit bei Interesse länger. Wer im Alter eine Sprache lernt, befürchtet eventuell, es nicht zu schaffen. Aber es funktioniert, nur anders. Auch wenn wir Anfänger*innen sind, können wir auf schon gemachte Erfahrungen und Kenntnisse zurückgreifen, neues Wissen einordnen in vorhandenes Wissensmaterial, es verknüpfen und alte Lernerfahrungen nutzen.
Das erste Mal reiht sich ein in viele Anfänge, die schon gemacht wurden. Manche erfolgreich und andere nicht, und selbst da bleibt etwas zurück – wir haben auch im Scheitern etwas gelernt.
Immer wieder Anfang – mit zunehmendem Alter werde ich auch Manches lernen müssen, das mit Begrenzung zu tun hat und mit Abschied. Welches Handwerkszeug steht zur Verfügung? Charlie Mackesy formuliert für mich in seinem Buch „Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd“ unter anderem zwei Weisheiten, die vielleicht schon in jedem und jeder angelegt, auf jeden Fall anwendbar und zu üben sind. Einmal unsere Begabung zur Freundlichkeit – mir selbst gegenüber, den anderen (als Höflichkeit auch gegenüber denen, die ich anstrengend finde …) und der Welt gegenüber. Und zum anderen spricht er von unserer großen Freiheit. Mackesy lässt einen seiner vier Protagonisten sogar formulieren „eine unserer größten Freiheiten …“ ist, wie wir auf Dinge reagieren. Das wünsche ich mir für mich und die Menschen um mich in der Nähe und der Ferne, ganz privat und in verantwortlichen Positionen, dass wir uns je neu die Freiheit herausnehmen, auf Neues freundlich und neugierig zu reagieren und dass wir anderen genauso diese Freiheit lassen und ermöglichen.
CNO Januar 2022
Ein Schattenspiel oder Die Kontur
Welche innere Vorstellung habe ich von meiner Kontur? Von meinem Profil?
Das Schattenspiel im Kunstbau München während eines Besuchs der Komposition (Raum und Klang) von „Mouse on Mars“ brachte mir anschaulich in Erinnerung, dass Kontur und Profil ein Lebenswerk, eine Lebens-Arbeit ist. Im besten Fall führt jede (größere) Entscheidung zu einer Konturierung. Mit meiner Kontur, meinem Profil kann ich von anderen Menschen als die erkannt werden, die ich (geworden) bin. Mein authentisches Profil, das nie gänzlich fertig ist, macht mich für andere einschätzbar. Vielleicht gibt es auch Linien in meiner Kontur, die mir gar nicht bewusst sind, die ich nur in der Begegnung und im Austausch mit anderen erfahre.
Kontur ist Grenze, auch Ab-Grenzung – hier bin ich, dort nicht …
Dass in diesem Schattenspiel nicht nur eine Linie sichtbar wird, sondern mehr, finde ich tröstlich. Es gibt den Kernschatten für mich das Klare, oder schon geklärte, und dann gibt es einen Grenzbereich, Schattierungen, im besten Sinn des wortes Grautöne.
Wenn die Kontur, die Kante oder Grenze, der Ort der Begegnung ist, braucht es mehr als eine Linie. Nicht grenzenlos, da ist eine erkennbare Gestalt mit Profil, aber verschiedene Begegnungen benötigen verschiedene Begegnungsqualitäten und Begegnungsbereiche.
Je klarer mir selbst meine Gestalt – körperlich, seelisch, psychisch – geworden ist, um so großzügiger und neugieriger kann ich an meiner Grenze sein – meine Hoffnung für jede Begegnung.
CNO. August 2022
Deine Sprache verrät dich - du bist deine Sprache
„Ist doch nicht so gemeint“ – ein entschuldigender Satz, wenn ich merke, dass mein Gesagtes nicht gut ankommt, verletzt, beim Anderen oder bei der Anderen eine empfindliche Stelle trifft.
„Sei doch nicht so empfindlich“ oder „Lege doch nicht jedes Wort auf die Goldwaage“ wären weitere Sätze, die mich freisprechen sollen, wenn ich im Ton oder im Inhalt unaufmerksam oder unpassend war.
Über Sprache geschieht so viel! Im fremden Land bin ich ohne Sprachkenntnisse hilflos und Zeichen helfen nur grob, aber nicht genau. Ich bin angewiesen auf die Zugewandtheit und (Gast-)Freundlichkeit der einheimischen Menschen, denen ich begegne und von denen ich etwas brauche.
In der eigenen Sprache zu Hause zu sein? Für mich bedeutet es unter anderem, dass ich Nuancen ausdrücken kann. Oder sehr vereinfacht: Dass ich weiß, was ich sage und wie ich es sage. Hilde Domin widmet dem „schwarzen Wort“ ein beeindruckendes Gedicht – vieles lässt sich wieder rückgängig machen, das gesprochene verletzende Wort im Ohr und Herzen der Anderen nicht.
Das „Sprachspiel“ hat sich im öffentlichen Leben verschärft: ich kann anonym über andere Menschen schlecht reden, „alternative Wahrheiten“ verbreiten, mich mit harscher Kritik hinter Pseudonymen verstecken. Das ist nichts Neues. Aber durch die weltweite Vernetzung sind die Auswirkungen immens größer und tatsächlich überhaupt nicht mehr rückgängig zu machen.
Und öffentliche Menschen, zum Beispiel Politiker*innen erlauben sich, mit Sprache „zuzuschlagen“ auf die politischen Gegner*innen. Schon hier entlarvt mich beim Schreiben die Sprache. Was bedeutet es in der politischen Diskussion und Debatte von „Gegner/Kontrahent“ und „Schlagabtausch“ zu sprechen?! Ist der Mensch mit einer anderen Meinung ein Feind?
Ist öffentlichen Menschen bewusst, dass Ihre Sprache einen Maßstab setzt für diejenigen, die zuhören? Ist Erwachsenen bewusst, dass Ihre Sprache von Kindern übernommen wird – im Guten wie im Schlechten?
Mich überrascht die Klage über die Verrohung der Sprache bei Jugendlichen, wenn ihnen genau diese rohe Sprache überall begegnet. Wie, bei wem und wo können sie unterscheiden lernen?
Als Christin bekomme ich in der Bibel eine Grundempfehlung für das Miteinander: Verhalte Dich so deinem Nächsten, Deiner Nächsten gegenüber, wie Du es auch für Dich erwartest.
Und mir fallen durchaus Kriterien ein, mit denen ich mein Sprachspiel überprüfen kann:
Wahrhaftigkeit
Ist das, was ich über jemanden sage, wahr? Wenn ich es nicht überprüfen kann, sollte ich lieber schweigen? Kann ich die Person selbst fragen?
Respekt
Es gibt Menschen, mit denen es mir schwerfällt, zusammen zu sein. Ihnen mit Respekt zu begegnen, schützt auch mich. Dazu gehört manchmal die Anrede mit Sie und ein gewisser innerer und äußerer Abstand.
Höflichkeit
Die Schwester des Respekts. Wenn „freundlich“ nicht geht, ist Höflichkeit eine Möglichkeit, die Veränderung offen hält. Es könnte ja irgendwann freundlicher werden, wenn nicht, ist ein höflicher Kontakt in der Nachbarschaft, im Kollegium, im Ehrenamt eine gute Basis, um miteinander zu reden, etwas zu klären oder miteinander zu arbeiten.
Aufmerksamkeit und Neugierde
Ermöglicht meine Sprache den Anderen, sich zu zeigen, „wie sie wirklich sind“? Höre ich zu mit der Offenheit, dass mich der Andere und die Andere überraschen kann? Jede Person ist viel mehr, als ich sehen kann ….
Schweigen
Ich kann mich auch entscheiden , zu schweigen, weil alles gesagt ist, weil ich nicht mehr weiter weiß, weil die Redepause allen Beteiligten die Chance ermöglicht, über alles Gesagte nach zu denken.
November 2023